Wolfgang Hilger

Wenn man – wie der Autor – etliche Jahrzehnte im Bereich der bildenden Kunst gearbeitet hat und dabei das Kommen und Gehen von oft nur kurzlebigen Tendenzen und Attitüden über sich ergehen lassen musste, wird man – so man nicht vom unverbesserlichen oder naiven Fortschrittsglauben erfüllt ist, wonach das Neue stets das Bessere sei – in der Beurteilung dessen, was einem vor Augen kommt, vorsichtig, zurückhaltend, oft auch skeptisch, bisweilen sogar unsicher sein, und das trotz – oder gerade wegen? – langer Erfahrung. Unweigerlich stellt sich die Frage, was nun wirklich Bestand haben wird, weiß man doch, dass manches noch vor kurzem Spektakuläre im Schatten der Geschichte bereits blass geworden oder gar schon verschwunden ist.
Künstler, denen das Aufspringen auf die gerade abfahrenden Züge der diversen Avantgarden kein begehrenswertes Ziel darstellt und sich auf den steinigen und meist einsamen Wegen einer dem eigenen Ich und nicht dem Zeitgeist verpflichteten Kunst bewegen, müssen eine besondere schöpferische Individualität entwickeln, auch zu einer spezifischen Thematik finden, um im heutigen Kunstbetrieb wahrgenommen zu werden. Es mag auch sein, dass sich traditionelle Formen der Ästhetik noch immer als gültig erweisen.
Mit Karin Pliem begegnen wir einer bemerkenswerten Malerin, die in ihren zuletzt [bis 2007, Anm. d. Red.] entstandenen Arbeiten Blumen und Früchte mit kraftvoll-deftigen Farben zu bild- und raumgreifenden Kompositionen arrangiert. Doch bereits die intensive, geradezu expressive Farbigkeit dieser Bilder beseitigt jeden Verdacht, es könne sich hier um eine Art unverbindlicher Naturmalerei handeln, um friedfertige Stillleben in der Tradition viktorianischer Damen. Karin Pliems monumentale Blüten und üppigen Früchte agieren raumgreifend vor und in imaginären Landschaften und Szenerien, sie kreiert – wenn es das gibt – selbstbewusste, beseelte Pflanzenwesen; oft mit klaffenden Blütenkelchen und gerade wegen ihrer Schönheit nicht selten recht bedrohlich. Pliems Blumen ähneln eher gefährlichem exotischem oder aus der Tiefsee stammendem Getier als den üblicherweise friedfertigen Spezimina aus dem Reich der Botanik. Man könnte auch an fleischfressende Pflanzen denken, von denen bekanntlich eine morbid-erotische Faszination ausgeht. Ohne in ihren Bildern etwas Konkretes an- oder auszusprechen, weiß auch Karin Pliem, dass jede Kunst irgendwie mit Autobiographie zu tun hat.
Als der Autor die neuen Bilder Pliems kennenlernte, wurde ihm, nicht sofort, sondern erst nach einigem Nachdenken, jene merkwürdige Affinität bewusst, die Pliems Arbeiten mit einer viel zu wenig bekannten, bedeutenden österreichischen Malerin verbindet. In den Tierdarstellungen der Grazer Künstlerin Norbertine Bresslern-Roth (1891-1978), die bereits 1912 in der Wiener Secession Arbeiten zeigte und die in der Zwischenkriegszeit weithin bekannt war, finden sich nicht nur formale Parallelen, sondern auch eine vergleichbare Verselbständigung und Beseelung der Naturmotive wie bei Karin Pliem, die jedoch bis vor kurzem nichts von Bresslern-Roth wusste.
Verborgene Traditionen, auch wenn sie nicht sofort erkennbar an der Oberfläche liegen, haben die Kunst stets mitbestimmt. Ob man will oder nicht, bewusst oder unbewusst, man muss sich damit auseinandersetzen. Wahrscheinlich sind diese vorhandenen Ströme genauso wichtig wie die Suche nach dem immer spärlicher werdenden Neuland.

© Wolfgang Hilger, Wien 2007.
Zuerst publiziert in: Karin Pliem. Wandlungen, Galerie Michitsch (Hg.), Wien 2007, S. 22f.