Karin Pliem, Concursus naturae

Auf meinen Leinwänden erörtere ich potenzielle Übereinkünfte von Natur und Zivilisation, indem ich bildlich transformierte Darstellungen verschiedenartiger Lebewesen aus unterschiedlichen Ökosystemen und Weltregionen in jeweils differente Konstellationen bringe. Auf- und verblühende Gewächse aus Tropenwäldern, Alpentälern oder botanischen Gärten können hier mit transgenen Pflanzen, Wassertieren oder auch mit im Malprozess neu geschaffenen Blüten-Hybriden zusammentreffen. So entsteht eine Natur, die es von Natur aus nicht gibt – soferne wir den Mensch mit seiner zivilisatorischen Umtriebigkeit nicht als Teil der Natur erachten: Kreuzungs- und Gentechniken lassen gleichermaßen neue Arten, Hybride und Klone von Lebewesen entstehen, das globale Transportwesen befördert die Invasion biotischer Natur in neue Lebensräume, andere Arten sterben aus … . Natur und Zivilisation begegnen sich am Meeresboden wie in der Troposphäre, das Gesamtsystem ist im Wandel und die Frage ist, ob oder wie es im Gleichgewicht bleibt.

Die Organismen in meinen Bildern mutieren, konkurrieren und interagieren, bilden neue Formen und Konstellationen und finden im Gesamten – im Bild und als Bild – letztlich immer zu einem Verbund. Der Mensch tritt in meinen Bildern nicht sichtbar auf, aber ich lade ihn ein, visuell, gedanklich und emotional in diese Szenarien einzusteigen, auch, um sich womöglich irgendwo darin zu finden. concursus (lat.): das Zusammenwirken, -treffen, -stoßen, Hereinbrechen, der Ansturm, Wettstreit … natura [humana; animi; corporis; aeris; mortis …] (lat.): Naturkraft, Weltordnung, (natürliche) Beschaffenheit, Wesen, Eigenart, Kreatur, Individuum …

Karin Pliem, aus: Destination Wien 2015, Ausstellungskatalog Kunsthalle Wien, Wien 2015, S. 301.