Karin Pliem

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Nach ihrer künstlerischen Ausbildung führten Karin Pliem zahlreiche Studienreisen und Aufenthalte von Europa nach Amerika, Afrika, Asien und Ozeanien bis in den Südpazifischen Raum. Die Künstlerin sammelte auf ihren Feldforschungen auf den verschiedenen Kontinenten Eindrücke der unterschiedlichen Länder, ihrer spezifischen Landschaften, Geschichten und Kulturen. In ihren malerischen Werken verbindet sie diese zu überwältigenden, lebendig-überbordenden Bildern. In einem System von Addition und Schichtung entstehen äußerst dichte Kompositionen mehrerer sich verschränkender Bildebenen, in denen sich Vertrautes und Fremdes, Heimisches und Exotisches, botanische Elemente, allerlei Kreatürliches sowie kulturelle Versatzstücke und eigene phantastische Erfindungen mit historischen wie persönlichen Erzählungen symbiotisch in einem neuen Kosmos zusammenfinden, um – jenseits geografischer, politischer, kultureller oder religiöser Grenzen – über den Menschen, die Erde und das Leben zu berichten. Ganz im Gegensatz zu herkömmlichen Stillleben, die der Vergänglichkeit gemahnen, berichten Karin Pliems Werke von immerwährendem Fortleben in ständiger gegenseitiger Einflussnahme und Veränderung. Es ist kein sich stetig wiederholender Kreislauf, der beschrieben wird, keine Kette, bei der sich Glied an Glied schließt, sondern vielmehr ein verwirktes Geflecht, ein Myzel heterogener Komponenten und unendlicher Verknüpfungen, die ein Ganzes bilden und fortwährend in alle Richtungen anwachsen, Raum und Zeit zusammenfassend.

In der Burgkapelle präsentiert die Künstlerin eine Installation, in der sie die Thematik ihres aktuellen Werkkomplexes, der „Biocultural Community“, weiterführt. Der Theorie der „biokulturellen Diversität“ folgend, nach der die Vielfalt von Kultur und Natur untrennbar in eins verbunden und als solches schöpferischer Quell des Lebens sind, und der Ausbeutung von Mensch und Ressourcen widerständisch entgegentretend. Denn alles hängt mit allem zusammen.

„Mnemosyne“ ist der Titel des monumentalen Werks in der Kapelle. Gemeint ist die Göttin der Erinnerung aus der griechischen Mythologie wie auch ein Fluss der Unterwelt, dessen Wasser die Erinnerung herbeiführt. Im Bild, unsichtbar unter den vielen Malschichten verborgen, quasi grundgelegt, liegt er als elementarer Lebensbaustein neben der energiespendenden Sonne (beide verstanden als universale Symbole aller Kulturen und Religionen) und spült Relikte der Menschheitsgeschichte an die Oberfläche. Gegenständliches und Figürliches, Gesichter, Masken, Totenköpfe tauchen zwischen Blumen und Blättern punktuell aus einem flächendeckenden Gewoge an verschränkten organischen Formen und bunten Farben, bestimmt vor allem durch einen magischen Schein violetter Töne. Sie ziehen die Betrachtenden in die Tiefen der Erzählung und assimilieren sie als Teilchen des Systems, eines Systems unendlicher Reichweite, dem der Mensch untrennbar angehört.

Und er trägt, ebenso gänzlich überdeckt, ein Schiff als Symbol der sicheren Fahrt (über die Untiefen des Daseins hinweg) und zugleich als Anspielung auf einen Ahnen. So werden Allgemeines und Individuelles, Vergangenheit und Gegenwart, Archaisches und Archetypisches vereint und mit der zeitgenössischen Lebenswelt verschmolzen.

Das philosophische Konzept der Künstlerin entwickelt sich in der Kapelle über seine bildnerische Manifestation auf der Leinwand des zentralen Gemäldes hinaus in den ehemaligen Sakralraum, um dort, konkret installativ, als reale Pflanzen, Blumen und Blüten wie auch diverse Artefakte, rituelle Objekte, Knochen und andere Gegenstände, mit den historischen Darstellungen der barocken Fresken, mit christlichen Legenden und Heiligen sowie mit den Besuchenden in Kommunikation zu treten und die Idee einer umfassenden Seins-Erzählung komplex zu erweitern.

 

Aus: Karin Pliem. Vieleinigkeit. Burgkapelle im MMKK, 7. 3. – 19. 5. 2024. Faltblatt zur Ausstellung, MMKK Museum Moderner Kunst Klagenfurt, 2024

© 2023 Christine Wetzlinger-Grundnig, MMKK